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Leipziger Liederszene – Der 1980er Jahre Art.Nr.: DVDLZ20181

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Was machen wir hier eigentlich?
Hat uns dazu einer beauftragt, gibt jemand dafür Geld?
Hat’s ein erkennbares System? Und wenn nicht, wozu ist der User gebeten?

Die „Leipziger Liederszene“ wurde von den Hauptstadt-Großkopfeten zu Ostzeiten eher bestiefmuttelt. Dass sie sich damit die Montagsdemos und schließlich das Ende von allem eingehandelt haben, ist bekannt. Gebrodelt hat’s hier, wenn die Luft knapp wurde, wenn wegen Bodennebel lodernde Kohlekübel an den großen Kreuzungen standen, damit man wusste, wo man war, obwohl man genau wusste, wo man war. Leipzig fiel zusammen, und das schien so unabwendbar, dass man sich dichtend in Weltschmerz erging. Ein bisschen Selbstmitleid, ein bisschen Aufmupf, viel Zynismus. Rumms, und wieder ein Treppenhaus in sich zusammengefallen. Endzeitfilme kamen hier gut an.

Die Folkoper Die Boten des Todes, die 1982 zur Leipziger Folkwerkstatt laufen sollte, wurde vor allem deswegen verboten, weil im Bänkel-Prolog Umwelt vorkam. Umwelt hatte nicht vorzukommen, das war staatszugrabetragend. Aber Zeitgeist ist wie Säure und frisst sich durch. Die Folkies hörten auf zu reden und fingen an zu tanzen (quasi auf dem Vulkan). Statt ihrer kamen die Liedermacher, die nichts anderes konnten als reden resp. singen. Tanzen kannten sie allenfalls in der Spielart des Antanzens: Antanzen musste, wer über etwelche Stränge geschlagen hatte. Inzwischen gab’s aber selbst in Ämtern Leute, die’s reichlich satt hatten. Einer war Stefan Gööck, Chef des Stadtkabinetts für Kulturarbeit. Und Film-Freak. Dass er gerne Kameras laufen ließ, traf sich damit, dass ihm die Offszene gefiel, in der jungfrische Kreative herumliefen und sich stichelnde Reime ausdachten. Vieles davon mag unbeholfen gewesen sein und wäre bei marktwirtschaftlicher Tiefenprüfung sangklanglos kollabiert. So wie in Inside Llewyn Davis der Manager zum Künstler sagt: „Ich seh hier kein Geld.“ Aber die DDR war anders. Geld war Blech. Kunst aber konnte ihr hart zusetzen. Und die Bonzen wussten das. Dank Gööcks Besessenheit gibt es viele Stunden Film von Werkstätten, bunten Chansonabenden und Einzelkonzerten, die im Sächsischen Staatsarchiv vor sich hin lagern und die niemand kennt und die somit niemanden interessieren.

Dieter Kalka hat vor einigen Jahren begonnen, Memorabilia der damaligen „Leipziger Szene“ zusammenzutragen – als ihm, während einer MDR-Sendung, klar wurde, dass keiner dies je tun würde, wenn nicht die „Betroffenen“ selber. Bei den jährlichen Waldeck-Treffen im Hunsrück hatte er Gelegenheit, zu begutachten, wie die „da drüben“ das machen mit der Pflege von Liedern und Sängern. „Naja, bleede biste nich“, schreibt er, „da machste das hier eben ooch. Und dann ging’s los. Zuerst ein Begriff: Leipziger Liederszene, das war was Kompaktes, das gefiel sogar bei Wikipedia. Dann war ich auf die Fotos von Jochen Janus scharf. Es dauerte ein Jahr, bis er was brachte. Ab da füllten sich die Seiten, Schritt um Schrittchen. Wieviel hundert Stunden Arbeit das waren – ich will’s gar nicht wissen. Etliche Insider haben Material und Stories beigesteuert: Thomas Heyn, Steffen Mohr, Hubertus Schmidt sowieso. Mit dem hab ich mich oft getroffen und über das Projekt geredet. Dann stellte ich einen wissenschaftlichen Antrag bei der BStU, und zusammen sind wir da hin. War ja klar, wenn noch was außerhalb unserer Köpfe existiert, dann dort.“

So schob sich zusammen, was zusammengehört. Die Website kam dem Vorhaben entgegen, Ausschnitte aus Gööcks alten Filmen in einer DVD zu bündeln. Könnte ja – in tausend Jahren oder später – kulturgeschichtlich interessant sein, denn heute wird nicht immer heute bleiben, und die Fallbeile, die derzeit noch Zonales mit Bausch und Bogen wegköpfen, könnten stumpf werden. Leipzig war in jeder Hinsicht überschaubar, die einschlägigen Szenen waren es auch. Klassiker, Jazzer, Folkies, Liedermacher – alle hatten ihre Refugien und trafen sich ständig. Wer was wie erfuhr – keine Ahnung. Die wenigsten hatten Telefon. Ines Krautwurst meinte: „Wir haben uns ja alle gekannt. Mehr noch: Wir mochten uns sogar!“ Es gab bergeweise Fusionen, Projekte, Schützenhilfen und Gründe, zu feiern. Und als die Tür aufging, verflog alles beinahe über Nacht.

Dennoch: Was den historischen Wert der alten Dokumente angeht, teilen nicht alle einstigen Protagonisten unsere Einschätzung. Einige denken Ökologisch und wollen Gras drüber wachsen sehen. Andere denken realistisch und beurteilen ihr Frühwerk skeptisch. Waren ja andere Zeiten, erforderten andere Ansagen, da macht man sich heute womöglich angreifbar, lächerlich gar. Dagegen könnte man einwenden: Na wenn schon! Der Blick zurück justiert den Blick nach vorn. We can’t return, we can only look behind from where we came, doziert Joni Mitchell in The Circle Game. Deswegen sollen die historischen Schnipsel auch nicht alleine stehen, sondern durch „ordentlich“ produzierte „Audios“ eskortiert werden. Wer Ohren hat, der höre.

Für Freunde wikipädischen Vielwissens listet das Booklet, so gut es geht, die Aktivsten auf, die der Leipziger Liederszene ihr Gesicht gaben. Bedürfnis war’s uns, auch solche zu nennen, die keine Gitarre schlugen und keine Verse knüppelten, aber trotzdem unentbehrlich waren. Mag sich der und jener hier zu kurz gekommen fühlen oder vielleicht gar überrepräsentiert – das macht, dass wir (noch) keine Roboter sind und unseren gefühligen Ganglien Ausfälle genehmigt haben. Dies ist Erinnerungs- und keine Doktorarbeit; fürs pure Wissenschaftliche mangelt’s uns an (Pfurz)Trockenheit – und damit geht’s uns – dreimal Holz – immer noch ganz gut.

CD

Leipziger Liederszene der 1980er Jahre – CD
  • 1 Jens-Paul Wollenberg & Pojechaly Die Ratten 3:29
  • 2 Christine Artmann Spaziergang auf dem grünen Seil 2:25
  • 3 Heinz-Martin Benecke Überleben 3:05
  • 4 Susanne Grütz & Hubertus Schmidt … und sprach des Noah Weib 4:32
  • 5 Werner Bernreuther Ich brauch auch die Trauer zum Fröhlichsein 3:33
  • 6 Tobias Klug Köchelverzeichnis 2:14
  • 7 Jörg „Ko“ Kokott Der Krieger über fünfzig 4:05
  • 8 Steffen Mohr Mein Lieb, kennst du die Weichsel? 3:21
  • 9 Ines Agnes Krautwurst & Stephan König Der Wunsch 3:19
  • 10 UNICUM Das Patient 4:10
  • 11 José Perez Die Abende meiner Mutter 2:59
  • 12 Hubertus Schmidt Der Orgelspieler Schulz ist tot 4:52
  • 13 Ilona Schlott Dem Milners Trern 2:07
  • 14 Joachim Schäfer Kirschenklauen 3:47
  • 15 Duo Sonnenschirm Ballade vom Drüberstehen und Drunterliegen (Der Tribünenheber) 5:49
  • 16 Dieter Kalka Ostgermania 2:12
  • 17 Clemens-Peter Wachenschwanz Fünf Kilometer von Zuhause 3:21
  • 18 Stephan Westkämper & Co. Die Tauben 4:53
  • 19 Katrin Troendle Nein, ich bereu’ es nicht 5:18
  • 20 Bierfiedler Heil nach Hause 4:01

DVD

Live-Ausschnitte aus den Jahren 1986-90 von (in alphabetischer Reihenfolge): Bierfiedler, Duo Sonnenschirm, Ralf Elsässer, Findlinge, Ute Frank, Hilmar Griesbach, Gruppe FIS, Susanne Grütz & Hubertus Schmidt, Dieter Kalka, Wilfried Keindorf & Zuphall, Tobias Klug, Jörg „Ko“ Kokott, Ko & Co, Ines Agnes Krautwurst & Stephan König, Menzel Menzel Mau, Christa Mihm, Akram Mutlak, José Perez, Andreas Reimann, Joachim Schäfer, Hubertus Schmidt, Schütz mit uns, Pierre Strohbach, Andrea Thelemann, UNICUM, Dietmar „Didi“ Voigt, Clemens-Peter Wachenschwanz, Stephan Westkämper & Co., Jens-Paul Wollenberg sowie Interview(sequenzen) mit Odwin Quast

Bonusfilm: Kehraus-Konzert am 30.12.1993 zur Schließung des Hauses der Volkskunst mit Theater aus dem Hut, Saxoumi, Willy Keindorf, Susanne Grütz & Hubertus Schmidt, Jens-Paul Wollenberg, „Didi“ Voigt, Andreas Reimann, Duo Sonnenschirm (mit Peter Till)

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